Andreas W.

Hallo liebe Leser.

Im Sommer 2013 erhielt ich eine Diagnose, die mir den Boden unter den Füßen wegriss: Ich soll einen Tumor im Kopf haben! Ein Makroadenom! Ein großes Makroadenom!

Mittlerweile bin ich das Teil los, bin glücklich und dankbar dafür! Ich möchte gerne meinen Fall schildern und „neuen“ Betroffenen Mut machen. Von allen Tumorarten gehört ein Hypophysenadenom wohl mit zu den am besten handhabbaren.

Wie alles begann:

Bislang war ich (m, 1,80 m, 80 kg, rauchend seit Jugend, dafür praktisch alkoholfrei) kerngesund. Grob geschätzt 2008 fing es an, dass ich immer weniger Lust hatte, mit meiner Freundin die schönen Dinge zu tun, die man als Liebespaar so tut. Ich erklärte mir das durch die Tatsache, dass unsere Beziehung ziemlich problembehaftet war. Mit der Zeit fiel mir aber auf, dass auch andere hübsche weibliche Wesen mich nicht mehr locken konnten, und dass meine Lust ganz generell sehr stark abgenommen hatte. Ich dachte, der Grund dafür sei eine Mischung aus „Stress in der Arbeit + man wird auch nicht jünger + diese anstrengende Beziehung“. Ich hatte immer eine sehr schöne und lebendige Sexualität gelebt – trotzdem störte mich der Umstand, dass die Lust so wenig geworden war, kaum. Warum? Es ist ein bisschen, wie mit dem Essen. Wenn man Hunger hat, kann Essen wahnsinnig lustvoll sein, aber wenn man satt ist, dann fehlt einem das Essen auch nicht! Und so ging es mir: Ich hatte keine Lust auf Sex, aber es fehlte mir auch nicht. Meine Freundin allerdings nahm mein geringes Lustempfinden persönlich, was unsere Beziehung dann gleich nochmal komplizierter machte. Dieser Umstand und der Umstand, dass angeblich manch siebzig Jähriger noch über eine ausgeprägte Libido verfügt, brachte mich dann doch dazu, mich einem Urologen vorzustellen. Dort wurde dann festgestellt: Organisch alles ok, Testosteron allerdings im Keller: Wert: 3,2 (normal ist 8,5 bis 54,5). Ursache unbekannt. Ich bekam dann ein Testosteron-Gel verschrieben, das täglich anzuwenden war. Eine subjektive Verbesserung bemerkte ich allerdings nicht, und da mir das tägliche Geschmiere bald auf den Zeiger ging, hörte ich nach zwei, drei Monaten damit wieder auf.

Dann verging erst mal etwas Zeit, in der ich gesundheitlich nichts Bemerkenswertes festgestellt habe.

2012 hatte ich eine Erkältung, die normal abgeklungen war, jedoch hatte ich nach vier Wochen noch Kopfschmerzen und ein Druckgefühl hinter dem Auge, sowie das Gefühl, dass das Auge irgendwie brennt, oder leicht geschwollen ist. Da ich eine nicht ausgeheilte Nebenhöhlenentzündung in Verdacht hatte, ging ich zu einem HNO-Arzt, der mir das bestätigte (weil er nichts besseres wusste?) und mir ein Nasenspray verschrieb. Nachdem das keine Linderung brachte, ging ich nochmal zu einem Facharzt für innere Medizin, der fand allerdings auch nicht mehr, als einen verschleppten Schnupfen.

Im Winter 2012/13 stellte ich leichte Beeinträchtigungen beim Sehen fest, die ich folgend beschreiben würde: wenn man für eine Weile mit dem Daumen auf das geschlossene Auge drückt, dann erscheinen helle Sternchen oder kleine Blitze, die an ein Kaleidoskop erinnern. Diesen Effekt hatte ich dauernd, ohne Daumendruck, ganz schwach nur, aber wahrnehmbar. Das „Blitzen dieser Sternchen“ war so schwach, dass ich anfangs dachte, ich bilde mir das ein. Außerdem glaubte ich, manchmal etwas unscharf zu sehen. Deshalb schrieb ich auf meine To-Do-Liste „Augenarzt?“, mit Fragezeichen wohlgemerkt, da ich die Sache nicht richtig ernst nahm. Zum Glück bin ich hingegangen (Juni 2013). Es wurde organisch alles geckeckt, Augendruck und so, alles unauffällig und Gesichtsfeld (eine Art 180°-Check in einer Halbkugel). Als ich dann wieder im Sprechzimmer war, sagte mir der Augenarzt etwas, womit ich nullkommanull rechnete: es sei ernst, ich hätte vermutlich einen Tumor!!! Das Gefühl in diesen Sekunden kann man nicht beschreiben, es ist wie ein Blitz, der dir plötzlich den Stuhl auf dem du sitzt, wegreißt! Er erklärte mir alles genau. Es zeigte sich, dass ich im Gesichtsfeld eindeutige Ausfälle hatte, und zwar beim linken Auge auf der linken Seite und beim rechten Auge auf der rechten Seite (so eine Art Scheuklappen-Blick). Er wusste das zum Glück sofort zu deuten. Er erklärte mir, dass diese Art von Tumoren fast immer gutartig sind und in der Regel auch gut zu entfernen sind. Im Schock der Lichtblick: Doch nicht sterben!

Trotzdem – auf dem Heimweg ging mir alles Mögliche durch den Kopf! Zuhause versucht, es meiner 10-jährigen Tochter zu erklären. Wir lagen uns in den Armen und haben geweint.

Dann ging alles schnell (wofür sich mein Augenarzt stark gemacht hat).

Am nächsten Tag gleich MRT in der Augenklinik. Das Resultat: Ein großes Makroadenom, 3,1 x 2,4 x 2,6 cm, ein ziemlich dickes Ding also. Wie ich heute weiß, hormoninaktiv und gutartig. Klar abgegrenzt vom Umfeld, fast kugelrund. Die Größe war ein zusätzlicher Schock, ich befürchtete, man muss den Schädel öffnen!

Am darauffolgenden Tag (Freitag) nochmals MRT in der Neurochirurgie im Klinikum Rechts der Isar, München (meine Empfehlung). Ausführliche Besprechung der OP mit einem freundlichen Arzt, der sich viel Zeit nahm. Er sagte, dass sie (trotz der Größe) durch die Nase operieren werden (Gott sei Dank!). Alle meine Fragen wurden beantwortet. OP sei dringend.

Dann war Wochenende. Montag und Dienstag folgten noch diverse Untersuchungen (EKG, CT, Blutuntersuchungen, Hormonstatus). Und Mittwoch (19.06.2013) die OP.

Die OP dauerte ca. 3 ½ Stunden, alles lief (soweit ich das beurteilen kann) optimal, der Tumor konnte vollständig entfernt werden. Halleluja! Und danke, Dr. Ringel, er war der operierende Arzt.

Nach dem Aufwachen keine Schmerzen, fühlte mich (aufgrund der guten Drogen, die man bekommt) sehr gut, meine Beine blieben unversehrt. Ich war natürlich müde und schlief in der ersten Zeit viel. Ich konnte sofort gut durch die Nase atmen (meine Tamponaden hatten einen „Luft-Kanal“ integriert), von daher keine Probleme. Auffällig war am ersten Tag nach der OP, dass ich 8 (acht!) Liter Wasser getrunken habe! Allerdings hatten wir auch 38°C an diesem Tag (der heißeste Tag in diesem Jahr). Dennoch war der wahre Grund für meinen unmenschlichen Durst ein anderer – was ich aber erst später erfuhr. Ich träumte von Wasser. In der zweiten Nacht zog ich am Automaten eine kalte Spezi – und dazu eine Zigarette – ich war glücklich! Am ersten Tag post-OP wurden mir die Tamponaden gezogen. Alter Schwede, da hört man kurz die Engel singen. Zum Glück geht der Schmerz fast so schnell, wie er kommt. Direkt danach hatte ich die „freieste“ Nase ever. Noch nie so eine freie Nase gehabt. Hielt allerdings nur recht kurz an, dann kam der ganze Schleim und das getrocknete Blut. Das war nach wenigen Tagen vorbei, die Nasenschleuder brauchte ich insgesamt nur zwei Tage. Natürlich war die Nase noch lange verkrustet und auch etwas schmerzempfindlich, hielt sich aber in Grenzen. Fühlt sich an, wie heftiger Schnupfen. Die ersten drei Wochen war mein Geruchssinn weg, langsam kam er wieder, zu 100%!

Im Krankenhaus wurde jeden Tag das Blut gecheckt (Elektrolyte), aber ob die Werte gut oder schlecht waren, habe ich bis heute eigentlich nicht erfahren, ich gehe mal davon aus, dass sie ok waren.

Nach einer Woche wurde ich entlassen. Medikation: 6 Wochen Hydrocortison 10 mg 1-1-0. Schmerzmittel Ibuprophen 400 anfangs 1-1-1, dann immer weniger, vier Wochen danach war ich bei 1 bis 2 Tabletten pro Tag, da ich ohne Schmerzmittel immer noch einen mittelstarken, „dumpfen“ Kopfschmerz und ein Brennen/Druckgefühl hinter dem Auge hatte.

Drei Wochen nach der OP bin ich wieder arbeiten, Vollzeit. Früher war unmöglich!

Was sehr nervig war: Ich hatte einen ziemlich üblen Geruch in der Nase. Süßlich, irgendwie chemisch, sehr unangenehm. Das begann etwa 10 Tage nach der OP und hielt etwa 8 Wochen an. Manchmal wurde mir richtig schlecht davon.

Das Gesichtsfeld verbesserte sich auf praktisch Normalzustand!!! 🙂

Ich habe den Diabetes Insipidus (den unmenschlichen Durst und das viele Pipien) zunächst mit Minirin gut in den Griff bekommen. Gott sei Dank hat sich das Problem nach etwa 10-12 Wochen nach und nach von selbst erledigt; mein Trinkverhalten ist wieder völlig normal.

Heute geht’s mir wieder ziemlich gut. Ich kann normal leben, bin alleinerziehender Papa und arbeite normal in meinem Beruf. Achterbahn fahre ich heute lieber nicht mehr, aber Kartfahren z.B. geht wunderbar. Ich bin öfter als früher müde und „fertig“, aber ich kann gut schlafen, daher kein Problem.

Kopfschmerzen begleiten mich immer wieder mal, nicht stark, aber öfter, als früher.

Ein Effekt, der mir ganz angenehm ist: ich habe abgenommen in den zwei Jahren seit der OP. Habe ich vor der OP mit Mühe meine 80kg gerade so halten können, bin ich mittlerweile auf etwa 68 kg runter. Vermutlich esse ich weniger, weil ich seltener und weniger Appetit habe, als vor der OP. Warum das so ist, kann ich nicht sagen, aber ich fühle mich sehr wohl damit.

Meine Medikation heute: HC 10 mg 1/0/0, bei Bedarf auch mehr und L-Thyroxin 100µg 1-0-0. Außerdem alle 12 Wochen 1000mg Nebido (Testosteronspritze), das Lustempfinden ist zu etwa 50% zurückgekehrt, das ist viel, aber mit 25 war´s halt doch noch `ne andere Hausnummer. 🙂

Ja, dann gibt es natürlich regelmäßige Kontrollen; zweimal im Jahr Hormonstatus und einmal im Jahr MRT. Zum Glück bislang ohne Befund – und das darf gerne so bleiben!!!

Vielen Dank fürs Lesen. 🙂